In unserer laufenden Serie zu gefälschten Kontaktanfragen an Marketing- und Werbeagenturen haben wir in Teil 2 den ersten konkreten Fall vorgestellt: eine fingierte Anfrage im Namen von Siete Foods, bei der die Absender eine täuschend ähnliche Domain nutzten, um sich als das echte US-amerikanische Lebensmittelunternehmen auszugeben. In Teil 3 folgt nun der zweite konkrete Fall aus unserem eigenen Posteingang – und er funktioniert nach einem verblüffend ähnlichen Muster.
Die Anfrage im Detail
Am 22. August 2026 erreichte uns über das Kontaktformular auf digitalsterne.de eine Nachricht von einer Person, die sich als Jessica Foster von der Firma Furniture Box vorstellte. Der Ton der Anfrage war geschäftsmäßig und professionell: Man suche einen erfahrenen Google Partner für fünf größere Kampagnen, die in naher Zukunft anstehen würden. Als monatliches Budget wurde ein Betrag von rund 40.000 Pfund pro Monat genannt. Die Antwort auf die Anfrage solle bitte direkt per E-Mail erfolgen.
Auf den ersten Blick klingt das nach einer attraktiven Geschäftsmöglichkeit: ein bekannter Name, ein konkretes Vorhaben, ein substanzielles Budget. Genau das ist die Absicht hinter solchen Nachrichten. Sie sollen Neugier wecken, Seriosität suggerieren und dazu verleiten, ohne weiteres Nachdenken zu antworten.
Furniture Box ist tatsächlich ein real existierendes britisches Unternehmen. Die Firma wurde 2015 gegründet und ist im Möbelhandel tätig. Wer den Namen googelt, findet sofort die echte Website, echte Kundenbewertungen und eine klare Unternehmensgeschichte. Genau das macht solche Anfragen so wirkungsvoll: Der imitierte Name hält einer einfachen Überprüfung scheinbar stand.
Was bei näherer Betrachtung jedoch sofort auffällt: Das genannte Budget von 40.000 Pfund monatlich ist außergewöhnlich hoch – und das für eine Erstanfrage über ein anonymes Webformular, ohne jegliche Vorgeschichte, ohne Referenz auf konkrete Kampagnenziele und ohne Gesprächsbereitschaft per Telefon oder Video. Seriöse Unternehmen dieser Größenordnung nehmen in der Regel auf direktem Weg Kontakt auf, über persönliche Ansprechpartner oder über etablierte Netzwerke.
Der Domain-Trick
Der entscheidende Hinweis auf den Betrugsversuch steckt in der E-Mail-Adresse, von der die Anfrage ausging. Die offizielle Domain des echten Unternehmens lautet furniturebox.co.uk – die in Großbritannien übliche Form für kommerzielle Websites. Die Absender-Adresse in der uns vorliegenden Nachricht nutzte hingegen die Domain furniturebox.uk.

Gefälschte Anfrage im Namen von Furniturebox – Absender-Domain furniturebox.uk statt der echten furniturebox.co.uk, mit auffällig hohem Budget bereits im Erstkontakt.
Auf den ersten Blick wirkt der Unterschied marginal: ein fehlendes .co in der Domain. Doch genau in dieser Kleinigkeit liegt der Trick. Die Domain furniturebox.uk gehört nicht zum echten Unternehmen. Sie ist eine sogenannte Lookalike-Domain – eine Adresse, die der echten zum Verwechseln ähnlich sieht, aber von einer anderen Person oder Organisation betrieben wird.
Im britischen Domain-System ist die Endung .co.uk die klassische und weitaus gebräuchlichere Form für Unternehmenswebsites. Die kürzere Variante .uk wurde später eingeführt und wird deutlich seltener genutzt. Wer nicht explizit auf diesen Unterschied achtet, übersieht ihn beim schnellen Lesen beinahe zwangsläufig. Und genau darauf setzen die Urheber solcher Anfragen.
Das Ziel ist in der Regel folgendes: Wer auf die Anfrage antwortet, kommuniziert ab diesem Moment mit den Betrügern – nicht mit dem echten Unternehmen. Im weiteren Verlauf können dann verschiedene Szenarien eintreten: das Erschleichen vertraulicher Informationen, das Abgreifen von Angeboten und Preiskalkulationen oder – in aufwendigeren Varianten – der Aufbau einer fingierten Geschäftsbeziehung mit dem Ziel, letztlich Geld zu ergaunern.
Die Gemeinsamkeiten mit dem ersten Fall
Wer den in Teil 2 beschriebenen Fall von Siete Foods mit diesem Fall vergleicht, erkennt schnell: Die grundlegende Vorgehensweise ist identisch. Beide Fälle teilen genau zwei strukturelle Merkmale, die das Muster ausmachen.
Erstens: Die Imitation einer echten Marke. Sowohl Siete Foods als auch Furniture Box sind real existierende Unternehmen mit einer öffentlich abrufbaren Geschichte, echten Websites und echten Produkten. Die Betrüger wählen diese Namen gezielt aus, weil sie einer Erstprüfung standhalten. Wer den Firmennamen kurz recherchiert, findet sofort legitime Treffer – und das legt den Verdacht einer Fälschung zunächst nahe, dass alles in Ordnung sei.
Zweitens: Die Nutzung von Lookalike-Domains. In beiden Fällen wurde nicht die offizielle Firmendomain verwendet, sondern eine täuschend ähnliche Alternative. Bei Siete Foods war es sietesfood.com statt sietefoods.com – ein einzelner Buchstabe als Unterschied. Bei Furniture Box war es furniturebox.uk statt furniturebox.co.uk – eine fehlende Domain-Ebene. In beiden Fällen ist der Unterschied so gering, dass er im schnellen Lesebetrieb kaum auffällt.
Diese beiden Merkmale zusammen ergeben eine Methode, die niedrigschwellig und skalierbar ist. Wer eine glaubwürdige Lookalike-Domain registriert hat und den Namen eines echten Unternehmens kennt, kann in kurzer Zeit viele Agenturen gleichzeitig kontaktieren – mit geringem Aufwand und potenziell hoher Trefferquote.
In Teil 4 unserer Serie werden wir uns genauer anschauen, welche konkreten Schritte Sie unternehmen können, um solche Anfragen systematisch zu prüfen, bevor Sie antworten. Denn die Fälle, die wir bisher vorgestellt haben, dürften kein Einzelphänomen sein – sie stehen stellvertretend für eine breitere Methode, die Agenturen jeder Größe treffen kann.
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